Einführung zu den Gebeten nach der Geburt eines Kindes bis zu seiner Taufe

Erzpriester Sergius Heitz

 



 

 

 

 

 

Die Fürsorge und Fürbitte der Kirche für die im Volk Gottes geborenen Kinder beginnt nach orthodoxer Glaubenspraxis nicht erst mit der Taufe. Denn mit dem Apostel Paulus bezeugt die Orthodoxe Kirche, daß die Kinder christlicher Eltern heilig sind (1 Kor 7,14; Rm 11,16), sind sie doch hineingeboren in den Bund Gottes mit Seinem Volk. Deshalb sind auch die der Taufe vorangehenden Riten wesentlich vom Bundesgedanken mitbestimmt. Die Entsprechungen der kirchlichen Riten zu den Riten des Alten Bundes sind von daher zu verstehen. Mit diesen Entsprechungen bekommt nun aber auch das Gegen­satzpaar „rein - unrein“ im orthodoxen Christentum seinen festen Platz; aber es wird nach Mk 7,1-23 umgedeutet: Die Un­reinheit ist nicht mehr ein physisch-kultischer Zustand, son­dern Zeugnis des Verhaftetseins an die Sünde. „Wir sind nach dem Wort des Propheten David (Ps 50) in Sünden empfangen und unrein sind wir alle vor Dir“ heißt es daher in einer ersten Gebetsfeier unmittelbar nach der Geburt eines Kindes. Hier wird denn auch die Reinigung für Mutter und Kind erbeten, wobei die körperliche Unreinheit zum Bild für die Unreinheit der Gedanken und die mannigfaltigen Beunruhigungen des Herzens durch weltliche Sorgen wird. Denn gerade in dieser Si­tuation ist die Gefahr besonders groß, daß weltliche Sorgen die geistlichen Regungen überwuchern und ersticken. Dies aber wird nicht nur als persönliche Schwäche verstanden, sondern vielmehr grundsätzlicher als das Verhaftetsein an die Macht des Bösen, an den Widersacher Gottes und seine Kräfte, gesehen.

Auch die zweite rituelle Handlung, am achten Tag nach der Geburt, ist auf diesem Hintergrund zu verstehen. Es ist die der jüdischen Beschneidung entsprechende Feier der Bekreuzigung und Namensgebung des Kindes. Das Neugeborene wird in die Vorhalle, den Narthex, der Kirche gebracht. Der Priester be­zeichnet mit dem Zeichen des Kreuzes Stirn, Mund und Brust des Kindes zur Versinnbildlichung der Heiligung von Denken, Reden und Streben. Da im Alten Bund die Beschneidung als Versiegelung verstanden wurde, ist in dieser Bekreuzigung auch die Versiegelung, wie sie in der Myronsalbung nach der Taufe geschehen wird, antizipiert. Denn das Kreuz ist das Heil, das Siegel unserer Erlösung. Ein zweiter Schwerpunkt dieser rituel­len Handlung ist die Namensgebung. Auch sie knüpft an alttestamentliche Tradition an. Doch ist hier die christliche Um­deutung noch deutlicher sichtbar. Denn am achten Tag nach Seiner Geburt wurde dem Herrn der Name Jesus (Gott mit uns) gegeben. So erhält jetzt auch das neugeborene Kind einen heiligen Namen, der „nicht von ihm genommen“ werden soll, gemäß den Verheißungen des Alten Bundes, die in Jesus Chri­stus erfüllt sind: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist Mein“ (Jes 43,1) und „Einen ewigen Namen will Ich ihnen geben, der nicht vergehen soll“ (Jes 56,5). Darum wird in der Taufe und in der Folge bei jeder Mysterienhandlung, an der dieses Kind Anteil erhält, auch sein Name genannt.

Und schließlich geschieht auch die Darbringung nach vierzig Tagen nach alttestamentlichem Vorbild und in der Nachfolge Christi. Wie der Herr durch die Gottesgebärerin in den Tem­pel gebracht wurde, so bringt eine orthodoxe Mutter ihr Kind vierzig Tage nach seiner Geburt in die Kirche, um es Gott dar­zubringen. Dabei geht es auch hier letztlich nicht mehr um die alttestamentlichen Reinheitsvorschriften. Die geistliche Bedeu­tung dieses Ritus wird erkennbar, wenn es in einem der Gebete heißt: „Er (sc. Jesus Christus) duldete es, nach der Sitte Deines heiligen Gesetzes, nachdem die Tage der Reinigung vollendet waren, in dem Heiligtum dargebracht zu werden, obwohl Er selbst der wahrhafte Gesetzgeber war, und ließ es zu, auf den Armen des gerechten Simeon getragen zu werden. Das offenbarte Mysterium dieser Vorabbildung erkennen wir im Gesicht des Propheten Jesaja von der Zange mit der glühenden Kohle. Dieses ahmen wir Gläubige nach in der Gnade“. Es ist hier die kultische Nachahmung gemeint, die die seinsmäßige Voraussetzung der sittlichen Nachahmung in der ganzheitli­chen Nachfolge Christi ist, wobei hier die Zange auf die Jungfrau Maria, die glühende Kohle auf die Gottheit Christi bezogen werden und die Gnade als Zeit der Gnade im Gegen­satz zur Zeit des Gesetzes zu verstehen ist.

(Auszug aus: Sergius Heitz: Mysterium der Anbetung III)

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INTERESSANTES UND WISSENSWERTES

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