Kirchen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland

"Kirchen unserer Diözese"

Hamburg

Kathedrale zu Ehren des Hl. Prokopius
Kirche des Hl. Nikolaus



 

 

 

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1990, 6

 

In Hamburg gibt es zwei russische Kirchen: seit dem Jahre 1901 gibt es in Harvestehude eine kleine Hauskirche, die dem Hl. Nikolaus geweiht ist, und in Stellingen seit Mitte der 60er Jahre die Kathedralkirche zu Ehren des Hl. Prokopius.
Bedingt durch die Handelsbeziehungen und seinen Hafen gab es in der Hansestadt Hamburg schon seit dem 18. Jh. eine orthodoxe Gemeinde, zu der hauptsächlich Griechen gehörten. Orthodoxe Russen kamen vor allem als Händler und Schiffsbesatzungen nach Hamburg. Seit Ende des 19. Jh. spielte Hamburg dann für die Russen eine wichtige Rolle als "Umsteigehafen" zur Weiterreise nach Amerika. Einer dieser durchreisenden Gäste war im Jahre 1904 Bischof Tichon, der spätere Patriarch. Er blieb bei seiner Rückkehr aus den USA einige Tage in der Hansestadt. Um diesen Gläubigen die Möglichkeit zum Besuch orthodoxer Gottesdienste zu geben, reifte Ende des 19. Jh. der Plan, in Hamburg eine orthodoxe Kirche zu bauen.
Die Initiative hierzu ging von dem Propst der kaiserlich russischen Gesandtschaftskirche in Berlin, Alexij Petrowitsch Malzew aus. Er war als Priester im Jahre 1881 nach Berlin gekommen und wurde im Jahre 1886 zum Propst der Botschaftskirche ernannt. In dieser Eigenschaft unterstanden ihm alle orthodoxen Priester und Gläubigen - also auch die Bulgaren, Rumänen, Griechen, Serben und anderen Nationalitäten - in Deutschland.
Nach den Vorstellungen von Propst Maltzew sollte aus Spenden, die in Rußland gesammelt wurden, Grundbesitz angekauft werden, um Kirchen, Wohnungen für Priester, Wohn- und Altenheime, ja sogar ein russisches Sanatorium in Deutschland zu errichten. Man darf nicht vergessen, daß jährlich bis zu 20.000 russische Kurgäste die deutschen Bäder aufsuchten. Die Verwaltung dieses Eigentums sollte der von Maltzew gegründete "Wohltätigkeitsverein zu Ehren des Hl. Apostelgleichen Fürsten Vladimir" ("Bratstvo" zu deutsch "Bruderschaft") übernehmen. Im Jahre 1901 erwarb der Wohltätigkeitsverein in Hamburg Harvestehude, Böhmersweg 4 ein 2-stöckiges Doppelhaus mit mehreren Wohnungen. In der obersten Etage wurde eine Kirche zu Ehren des Hl. Nikolaus des Wundertäters eingerichtet. Die Kirche war dem Hl. Nikolaus geweiht worden aus Dankbarkeit und zur Erinnerung an die Genesung des schwer erkrankten russischen Zaren, Nikolaus II.
Für alle russischen Emigranten, die später in Deutschland Zuflucht fanden, besitzt diese kleine Kirche heute eine besondere Bedeutung, da der Hl. Neomärtyrer-Patriarch Tichon als Bischof in dieser Kirche am 2. Januar 1904 eine Göttliche Liturgie zelebriert hatte.
Die Kirche am Böhmersweg bot Platz für etwa 30 Gläubige und genügte den Bedürfnissen der kleinen russischen Kolonie in Hamburg vor dem 1. Weltkrieg.
Durch die Flüchtlinge, die seit 1920 auch nach Hamburg strömten, wuchs die russische Gemeinde in Hamburg auf etwa 300 Personen an. Die kleine Nikolaus-Kirche bot natürlich nicht genügend Platz für die vielen Gläubigen, doch sie blieb bis zum Ende des II. Weltkrieges die einzige russische Kirche der Hansestadt.
Die Kirche war nach Ausbruch des I. Weltkrieges geschlossen worden und wie der übrige russische Kirchenbesitz in Deutschland vom Botschafter Spaniens treuhänderisch verwaltet worden. Im Jahre 1921 wurde die Kirche am Böhmersweg der Nachfolgeorganisation der "Bratstvo" wieder zurückgegeben. Aus einem Bericht im Hamburger "Fremdenblatt" vom Jahre 1926 geht hervor, daß viele Gottesdienstbesucher im Treppenhaus stehen mußten, um an der Liturgie teilzunehmen, da der Kirchenraum die vielen Gläubigen nicht fassen konnte. So plante man die Erweiterung der Kirche durch Zusammenlegung mit dem benachbarten Wohnraum, um dieser Enge ein Ende zu bereiten.
Aus der weiteren Notiz im Hamburger Fremdenblatt vom 17.12.1929 erfährt man, daß hieraus nichts geworden war, da der Eigentümer, die "Vladimir-Bruderschaft", diesen Plänen ihre Zustimmung verweigert hatte. Auch die erhoffte Gründung einer russischen Bibliothek, einer Priesterwohnung und einer kleinen Schule in dem Anwesen scheiterten am Widerstand der "Bratstvo".
Gottesdienste fanden seit der Wiedereröffnung der Kirche zunächst nur unregelmäßig statt. Seit 1925/26 konnten dann wieder regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden, da wieder ein Priester in Hamburg lebte. Die Betreuung der Gemeinde lag bis 1938 bei Erzpriester Nikolaj Ordovskij-Tanaevskij, sein Nachfolger wurde bis 1942 Priester Evgenij Nosin, ihm folgten die Priester Pavel Savickij (1942/43) und Ioann Malizenovskij (seit 1943).
Bis Kriegsende blieb die Kirche am Böhmersweg die einzige russische Kirche der Hansestadt. Es gab zwar noch eine weitere russische Kirche in dem "Ostarbeiter-Lager" in Hamburg-Wentorf, doch durfte diese nur von den Lagerbewohnern besucht werden. Nach Kriegsende bestand diese Kirche zunächst noch weiter, da das Lager nun als Transitlager für Flüchtlinge aus der Sowjetunion und DP (Displaced Persons) genutzt wurde. Diese Kirche bestand bis 1954 (?) und wurde dann geschlossen, da das Lager aufgelöst wurde.

Die russische Gemeinde nach dem II. Weltkrieg

Die genaue Zahl der russischen Flüchtlinge im Raum Hamburg nach dem II. Weltkrieg läßt sich nicht mehr ermitteln. Sie dürfte aber bei ca. 10.000 Personen gelegen haben. Allein im Lager Fischbek lebten etwa 3.000 Flüchtlinge. Die geistliche Leitung des Lagers lag bei Archimandrit Vitalij (Ustinov, seit 1986 Metropolit und Oberhaupt der Auslandskirche).
Um die religiösen Bedürfnisse dieser vielen Flüchtlinge zu befriedigen, wurde der Gemeinde von der britischen Militärverwaltung am Harvestehuder Weg 27c ein Haus mit angebauter Baracke zur Verfügung gestellt. In der geräumigen Baracke wurde die Kirche zu Ehren des Hl. Prokopius von Ustjug gegründet, in dem angrenzenden Haus wurde der Sitz und die Administration der russischen Gemeinde der britischen Zone untergebracht. Damit wurde die Hamburger Kirche zum kirchlichen Zentrum aller russischen Gemeinden in Norddeutschland. Im Jahre 1953 übersiedelte Erzbischof Filofej (Narko, gest. 1986) nach Hamburg. Als Sitz des Bischofs wurde damit die Kirche Kathedralkirche.
Im Oktober 1946 gab es Pläne der Verlegung der Diözesanverwaltung in das Haus am Böhmersweg. Der Synod München faßte einen Beschluß, demzufolge bei der britischen Militärverwaltung ein Antrag gestellt werden sollte, das Haus der "Bratstvo" am Böhmersweg auf dem Wege der Beschlagnahme räumen zu lassen. In dem Anwesen lebten seit dem Krieg zwei deutsche Familien, die nach dem Verlust ihrer Wohnungen in das Haus einquartiert worden waren. Außerdem waren am Böhmersweg noch zwei Priester notdürftig untergebracht, denen aber nur 8 qm große Räume zur Verfügung standen. Man hoffte, nach der Räumung des Hauses die Diözesanverwaltung in einer Wohnung unterbringen zu können und die übrigen Räume für den Bischof und Geistliche nutzen zu können. Auf diese Weise hätten dann in der Kirche wieder täglich Gottesdienste gefeiert werden können. Der Vorschlag der Nutzung des Anwesens am Böhmersweg für die Diözesanverwaltung ging vom Bevollmächtigten der "Bratstvo", D. Starlotcanov, aus, der der Ansicht war, daß die Baracke am Harvestehuder Weg keine repräsentative Residenz des Bischofs auf Dauer sein könne. Die Verwirklichung scheiterte dann aber, da kein Ersatzwohnraum für die ausgebombten Familien gefunden wurde.
Die Leitung der russischen Gemeinden der britischen Zone lag nach Kriegsende zunächst bei Archimandrit Nathanael (L'vov, zuletzt Erzbischof von Wien und Österreich, gest. 1986). Sein Nachfolger wurde im Jahre 1946 Igumen Vitalij (Ustinov, seit 1986 Metropolit und Oberhaupt der Auslandskirche). Ihm folgte 1948 Bischof Afanasij (Martos, zuletzt Erzbischof von Buenos Aires und Argentinien, gest. 1985). Von 1953 bis 1982 lag die Leitung dann bei Erzbischof Filofej, der von 1971 bis 1982 Oberhaupt der deutschen Diözese war und den Titel Bischof von Berlin und Deutschland trug. Er stand der Hamburger Gemeinde bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1982 vor. Vladyka Filofej - wie er von seinen Gläubigen genannt wurde - hat das Bild der russischen Gemeinde in Hamburg, aber darüber hinaus der Russischen Exilkirche in Deutschland stark geprägt. Unermüdlich besuchte er die Gemeinden seines Vikariats, zu dem die Bundesländer Schleswig-Hol-stein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gehörten. Zwar befand sich sein offizieller Wohnsitz seit 1965 in Hamburg-Stellingen, doch wie Vladyka selber oft schmunzelnd sagte war sein eigentlicher Wohnsitz die Deutsche Bundesbahn, da er ständig auf Visitationsreise war. Für "seine intensiven Bemühungen um die Zusammenarbeit unter den christlichen Kirchen" wurde ihm vom Bundespräsidenten im Jahre 1981 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse überreicht. Das Verständnis für orthodoxe Spiritualität und Theologie, das Erzbischof Filofej bei den römisch-katholischen und den evangelischen Christen und Kirchen hervorgerufen hat, wird wohl am besten dadurch dokumentiert, daß Vertreter dieser beiden Kirchen ihn als "ökumenischen Brückenbauer" würdigten.
Zur Gemeinde in Hamburg gehörten nach dem Kriege etwa 2.000 Gläubige, von denen ca. 600 als Gemeindemitglieder registriert waren. Man muß hier auf die besondere Situation der Russischen Kirche hinweisen: da die Kirche keine Steuern oder festen Beiträge von ihren Gläubigen erhebt, ist sie auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen. So war die Registrierung von Gemeindemitgliedern sehr wichtig, doch bedeutete dies auch eine finanzielle Verpflichtung der Mitglieder. Zu dieser waren aber viele Flüchtlinge, die selbst von materieller Unterstützung leben mußten, nicht im Stande. So waren nur etwa 20% bis 40% der Kirchenbesucher in der Regel in den ersten Nachkriegsjahren als Gemeindemitglieder registriert. Später - als es den Gläubigen dann materiell besser ging - unterblieb die Registrierung auch vielfach aus "Bequemlichkeit" oder "Tradition". So muß man bis heute zwischen registrierten Mitgliedern und Gläubigen unterscheiden. Dies erklärt z.T. die oft widersprüchlichen und sehr voneinander abweichenden Zahlenangaben zu den russischen Gemeinden, da je nach Betrachtungsweise ganz unterschiedliche Zählweisen zugrundegelegt werden.
Zum norddeutschen Vikariat gehörten zunächst etwa 30 Gemeinden, die zum größten Teil in den Flüchtlingslagern außerhalb der großen Städte lagen. Im Jahre 1948 gab es 17 Kirchen im Vikariat. Die Gläubigen wurden von 24 Erzpriestern und Priestern und 5 Diakonen betreut. Gemeinden mit eigenen Kirchen gab es in Hamburg, Schleswig, Lübeck, Lebenstedt-Braunschweig, Göttingen, außerdem gab es Lager mit eigenen Kirchen in Fischbek, Wentorf, Bremen, "Colorado und Ohio" bei Kassel, Wattenscheid, Greven, Paderborn, Lahde, Seedorf und Salzgitter. Die Kirchen befanden sich sowohl in angemieteten Räumen, in Baracken, wie auch in evangelischen und katholischen Kirchen, die den orthodoxen Gemeinden überlassen wurden. Doch gab es auch zahlreiche Gemeinden, die über keinen Kirchenraum verfügten, so z.B. die Gemeinden in Eutin, Kiel und Neustadt, zu denen zwischen 100 und 250 Gläubige gehörten.
Das kirchliche Leben dieser Jahre war sehr intensiv. Nach Schätzungen der Geistlichen gingen etwa 80% der Gläubigen an großen Feiertagen zur Kommunion. In einer zeitgenössischen Schilderung vom Jahre 1946 hieß es z.B. "Zahlreiche orthodoxe Kirchen, die von den Flüchtlingen eingerichtet wurden, stellen heute Zentren des geistlichen Lebens von hohem Niveau dar. Nach den durchlebten Schrecknissen des Krieges, dem Verlust von Verwandten und Freunden, nach langen Monaten der Unruhe und der Unsicherheit über die Zukunft, sind orthodoxe Gläubige um ihre Kirchen vereint. Auch in den Kirchen, die schon früher auf dem Territorium Deutschlands bestanden, ist das kirchliche Leben wieder aufgeblüht."
Sowohl das in München lebende Oberhaupt der Auslandskirche, Metropolit Anastasij, wie auch der Leiter der deutschen Diözese, Metropolit Serafim, kamen regelmäßig zu Visitationsreisen. Sie brachten meist die Wundertätige Ikone der Gottesmutter von Kursk ("Korennaja"), die Schutzpatronin der Auslandskirche mit. Die bei diesen Anlässen zelebrierten Gottesdienste dauerten dann 5 bis 6 Stunden. Zusammen mit den Bischöfen zelebrierten ein Dutzend Geistliche, es sangen Chöre, denen 20 und mehr Sänger angehörten. Zur Beichte und Kommunion gingen bei diesen Gelegenheiten bis zu 800 Personen.
Aufgrund der massenweisen Auswanderung der Flüchtlinge nach Übersee verlor die Hamburger Gemeinde viele ihrer Mitglieder. Im April 1950 waren noch 453 Personen registriert, von denen aber noch die Hälfte nach Amerika und Australien auswandern wollte. Erzpriester Platon Zakidalskij schätzte die Zahl der Gläubigen, die zu dieser Zeit in Hamburg lebten und die Kirche besuchten, auf 700 bis 800 Personen. Er meinte, daß man künftig von 300 bis 400 Gemeindemitgliedern ausgehen könne, verwies aber gleichzeitig darauf, daß von Hamburg aus viele Gemeinden und Gläubige in Schleswig-Holstein und Niedersachsen mitbetreut werden müßten, die nur gelegentlich die Gottesdienste in der Hamburger Kirche besuchen könnten.
Die Betreuung der verstreut liegenden Gemeinden geht aus den Jahresberichten der Geistlichkeit hervor: Vater Ambrosius Backhaus zelebrierte z.B. im Jahre 1960 41 Gottesdienste in Lübeck, 8 in Neustadt, 1 in Eutin, 12 in Rendsburg, 7 in Flensburg und 2 in Kiel. Erzbischof Filofej schreibt in seinem Jahresbericht: "Im vorigen Jahr habe ich verschiedene Gottesdienste abgehalten: in Köln, Düsseldorf, Dortmund, Bremen, Oldenburg, Kiel, Lübeck, Schleswig, Osnabrück, Göttingen, Lebenstedt, Hannover, Norden, Aachen, sowie in vielen kleineren Ortschaften und Siedlungen, kleinen Gruppen und für Gläubige im ganzen Vikariatsbereich. An den übrigen Feiertagen zelebrierte ich in Hamburg. Bei vielen Tagungen, an denen ich teilnahm, zelebrierte ich orthodoxe Gottesdienste.
Nachfolger von Vater Platon Zakidalskij wurde Erzpriester Pavel Savickij, der bis April 1953 Hauptgeistlicher in Hamburg blieb, dann übernahm die Leitung Erzbischof Filofej, der die Gemeinde bis zum Jahre 1980 betreute und dann aus Krankheits- und Altersgründen zurücktrat. Seitdem ist Priester Benedikt Lohmann Hauptgeistlicher der Kirche.

Der Neubau der Kathedralkirche
des Hl. Prokopius in Hamburg-Stellingen

Die "Barackenkirche" am Harvestehuderweg 27 war von Anfang an ein Provisorium gewesen. Doch konnte dieses "Provisorium" immerhin 15 Jahre als Gemeindekirche genutzt werden. Dann mußte die Kirche geräumt werden, da die Stadt auf dem Grundstück ein Gymnasium bauen wollte. Zunächst zog die Gemeinde in die Kieler Str. 602 um, wo bis zur Fertigstellung des geplanten Neubaus in Hamburg Stellingen nun vier Jahre lang die Gottesdienste zelebriert wurden.
Im Dezember 1961 fand die Grundsteinlegung zur neuen Kirche in der Hagenbeckstr. 10 statt. Unter großer Beteiligung von Gläubigen aus dem ganzen Vikariat nahmen an dieser Grundsteinlegung auch Vertreter des Hamburger Senats, der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche, des Weltrats der Kirchen und viele Einwohner Hamburgs teil. Das Interesse an diesem ersten russischen Kirchenbau in Norddeutschland war enorm und schlug sich in zahlreichen Presseartikeln nieder, die bis zur Weihe der Kirche im Jahre 1965 immer wieder von den einzelnen Baufortschritten berichteten.
Natürlich überstieg dieser Neubau die finanziellen Kräfte der Gemeinde und wäre ohne fremde Hilfe nicht möglich geworden. Hier ist an erster Stelle die Hilfe der Stadt Hamburg zu erwähnen, die bei der Suche nach dem Grundstück half und eine großzügige Entschädigung für die Kirche am Harvestehuder Weg zahlte. Durch ein zinsloses Darlehen wurde dann die finanzielle Basis für den Neubau gesichert. Weitere Hilfe kam von der katholischen und evangelischen Kirche und dem Weltrat der Kirchen.
Der Entwurf und die Bauleitung lag bei den russischen Architekten Alexander Sergejewitsch Nürnberg und Lev Nikolajewitsch Serov. Sie wählten den strengen nordrussischen Stil (Novgorod-Pskov), der sich durch seine klare Fassadengestaltung und eine wuchtige, zentrale Kuppel auszeichnet. Die mit Hand geläuteten Glocken sind fest im Turm verankert. Die Klöppel werden gegen Glocke geschlagen, wobei das für russische Glockenspiele typische Geläut entsteht. Mit ihren goldenen dreibalkigen russischen Kreuzen, ihren tiefblauen Zwiebelkuppeln, russisch-grünen Glasurziegeln und weißen Kalkwänden, vermittelt diese Kirche einen Eindruck der traditionellen nordrussischen Kirchenbauweise. Weit über die Hansestadt Hamburg hinaus wurde diese Kirche aber auch zugleich ein Zeugnis russischer Kultur und des Schicksals des russischen Volkes in unserem Jahrhundert.
Das Innere der Kirche ist in byzantinischer Tradition mit Fresken ausgemalt, der Altarraum vom Kirchenraum durch eine Ikonostasis getrennt. Die Ausmalung der Kirche und der Ikonostasis ist die Arbeit von Baron Nikolaj Bogdanoviç Meyendorff, der bei dieser Arbeit von seiner Tochter unterstützt wurde. Die Ausmalung der Kirche dauerte mehr als 3 Jahre.
Im Anbau der Kirche befindet sich eine Wohnung für den Priester, ein Gemeindesaal, Gästeräume und die Verwaltung.
Die Weihe der neuen Kirche erfolgte im Jahre 1965. Sie wurde vom Oberhaupt der Russischen Kirche im Ausland, dem Metropoliten Filaret (Voznesenskij, gest. 1985) zusammen mit dem Leiter der deutschen Diözese, Erzbischof Alexander (Lovçij, gest. 1973), Erzbischof Filofej und zahlreichen Geistlichen vorgenommen.
Um diesen Gläubigen die Möglichkeit zum Besuch orthodoxer Gottesdienste zu geben, reifte Ende des 19. Jh. der Plan, in Hamburg eine orthodoxe Kirche zu bauen.
Besondere Erwähnung verdienen auch die Bemühungen der Hamburger Gemeinde bei der Pflege der deutschen Sprache im Gottesdienst. Das Interesse an der Orthodoxie war nicht zuletzt durch die Gründung der vielen russischen Gemeinden nach dem Kriege gewachsen. Eine Folge war u.a. auch die Zahl der steigenden Mischehen zwischen russischen und deutschen Partnern. So verwies bei einem Vortrag in der Hamburger Evangelischen Akademie Erzpriester Stefan Ljasevskij im Jahre 1950 auf "das kolossale Interesse unter Deutschen an der Orthodoxie", vor allem auf protestantischer Seite, speziell unter der protestantischen Geistlichkeit. So verwundert es auch nicht, daß Bischof Afanasij im Herbst 1949 die Gründung einer deutsch-orthodoxen Bruderschaft zu Ehren des Hl. Prokopius empfahl. Sie sollte sich um die Verbreitung orthodoxen Gedankenguts unter Deutschen kümmern und die Verbreitung von deutschsprachigem Schrifttum fördern. Bischof Afanasij wies in seinem Schreiben darauf hin, daß zur Gemeinde in Hamburg und in Lübeck eine "aktive Gruppe junger orthodoxer Deutscher gehöre, darunter mehrere Studenten". Einer dieser Studenten sei Ambrosius Backhaus, den Erzpriester Stefan Ljasevskij (Lübeck) als Priesterkandidaten empfehle. Wenige Monate später, im April 1950, erfolgte dann die Priesterweihe von Ambrosius Backhaus, der sich seit dieser Zeit besonders um deutschsprachige Gottesdienste und die Übersetzungen von liturgischen und sonstigen Texten ins Deutsche Verdienste erworben hat.
Dem deutschen Interesse an der Orthodoxie trug die Hamburger Gemeinde schon früh Rechnung, was dadurch unterstützt wurde, daß zur Geistlichkeit der Gemeinde in den 50er Jahren bereits zwei deutsche Priester gehörten: Priester Johann Holz und Ambrosius Backhaus. So gab es neben dem russischen auch immer einen deutschen Chor. Die gesangliche Qualität des deutschen Chors, dessen Leitung bei Gerasimec lag, wurde immer wieder gelobt. Die Zahl der orthodoxen Deutschen war nicht unbeträchtlich, so daß in Zeitungsberichten mehrmals von der "deutschen orthodoxen Kolonie" die Rede war. Die Notwendigkeit der deutschen Sprache für orthodoxe Gottesdienste wurde in den Vorträgen immer wieder betont, so hielt z.B. Priester Johann Holz Vorträge zur "Problematik und Notwendigkeit orthodoxer Liturgie in deutscher Sprache", Priester Anatol Dreving sprach über die "Bedeutung des deutsch-orthodoxen Kirchengesangs" und über die "Möglichkeiten deutsch-orthodoxer Chöre". Gottesdienste in deutscher Sprache zelebrierte Vater Ambrosius Backhaus. Seit Mitte der 60er Jahre war es in der Gemeinde üblich, daß einmal im Monat ein Gottesdienst in deutscher Sprache zelebriert wird. Heute sind die beiden Geistlichen in Hamburg Deutsche: Erzpriester Ambrosius Backhaus und Priester Benedikt Lohmann.


INTERESSANTES UND WISSENSWERTES

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Im Glossar finden Sie wichtige Fachbegriffe, die für das Verständnis der Gottesdienste hilfreich sein können.

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Der Schmale Pfad. Orthodoxe Quellen und Zeugnisse. Vierteljährlich erscheinende Schriftensammlung mit Materialien zum orthodoxen Christentum, herausgegeben von Johannes Alfred Wolf.

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Eine Klosterkirche entsteht. Der Klosterhof der Spyridon-Skite baut in Unterufhausen eine Klosterkirche zu Ehren der Verkündigung und des hl. Justin von Celije. Spenden für den Kirchbau werden erbeten.

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Paterikon

"Paterikon" - eine Kinderbuchreihe des Potamitisverlags, die in verschiedenen Sprachen erhältlich ist und kleine Geschichten aus dem Buch der Väter, der Heiligen und aus dem Kirchenjahr vorstellt.

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