Das Mysterium der Krankensalbung

Erzpriester Sergius Heitz

 



 

 

 

 

 

Die heilige Ölung oder Krankensalbung ist nach orthodoxem Verständnis keine „Letzte Ölung“, d. h. kein Sterbesakrament. Sie soll vielmehr der Gesundung von an Leib oder Seele Er­krankten dienen. Ihre biblische Grundlage findet sich im Jako­busbrief: „Ist jemand unter euch krank, so lasse er die Presbyter der Gemeinde zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben; und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufstehen lassen, und wenn er eine Sünde getan hat, wird ihm vergeben werden“ (Jak 5,14-15).

In vielen Gemeinden wird in der Heiligen und Hohen Woche die Krankensalbung für alle Gläubigen vollzogen. Dann wer­den alle, die herzutreten, nur einmal gesalbt. Ansonsten wird der Nomokanon beachtet, der verbietet die Salbung an Gesun­den zu vollziehen. In einem weiteren Nomokanon hat die Kir­che auch untersagt, dieses Mysterium bereits Verstorbenen zu spenden. Stirbt der Kranke während des Vollzuges des Sakra­mentes, so wird der Ritus abgebrochen. Falls aber der Kranke nach Empfang des Mysteriums stirbt, wird der Rest von Öl und Wein kreuzweise über den Toten gegossen. Sonst wird er in den Öllampen verbrannt.

Im Gegensatz zur westlichen mittelalterlichen Tradition der Letzten Ölung ist eine Besonderheit der orthodoxen Kranken­salbung bemerkenswert: Dieses Mysterium ist nicht allein eine individuelle Seelentröstung, sondern vielmehr in besonderer Weise gemeinschaftsbezogen: Es wird in der Versammlung, d. h. in der Kirche vollzogen, und nur, wenn der Kranke sein Lager nicht verlassen kann, zu Hause, dann aber inmitten des versammelten Volkes von einer Priesterversammlung, die, wie die Überschrift dieses Ritus in den liturgischen Büchern zeigt, nach strengem Recht aus sieben Priestern zu bestehen hat, ge­mäß den sieben Lesungen aus Apostel und Evangelium, den sieben Ektenien, den sieben Epiklesen, den sieben Priesterge­beten und den sieben Salbungen. Die Siebenzahl ist ein Hinweis auf die sieben Gaben des Heiligen Geistes (Gal 5,22) und geschieht ferner mit Hinsicht auf die Auferweckung des Kna­ben der Sunamitin durch Elisa (4 Kon 4,35), der Gebete des Elias auf dem Karmel (3 Kon 18,43) und des Untertauchens des Syrers Naaman im Jordan (4 Kon 5,14).

Zwar kann die Salbung im Notfall auch durch nur einen Prie­ster geschehen, jedoch unter der Bedingung, daß dieser sie voll­zieht im Namen einer Priesterversammlung und daß alle Gebete gelesen werden.

Zu beachten ist ferner, daß zum Vollzug dieses Mysteriums nicht allein Öl gebraucht wird: Auf einem Tisch vor den Iko­nen Christi und der Gottesgebärerin steht eine Schüssel mit Weizenkörnern oder (und) mit Weizenmehl. In der Mitte be­findet sich ein Ölgefäß, in welches Öl und Wein gegossen wird. Der Weizen versinnbildlicht die Frucht des Lebens (Mk 4,1-20) und das Keimen des neuen Lebens aus dem Tode (Joh 12,24; l Kor 15,36-38). Das Öl, das zur Salbung verwendet wird, weist hin auf die Heilungen von Kranken, die die Apostel nach Mk 6,13 durch Ölsalbungen erwirkten. Der Wein, der beigemischt wird, versinnbildlicht das Blut Christi, durch das am Kreuz unsere Sünden geheilt wurden. Die Mischung von Wein und Öl aber erfolgt in Nachahmung der Heilung des unter die Räu­ber Gefallenen durch den Barmherzigen Samariter aus dem Gleichnis des Herrn (Lk 10,34).

Der Ritus selbst hat drei Teile: erstens eine Paraklisis, die in einem verkürzten Orthros mit Oden und Laudespsalmen be­steht, zweitens eine Segnung des heiligen Öles mit einer Ekte-nie, einer Epiklese und der Erinnerung an die Gemeinschaft der Heiligen durch Tropare, drittens die Ölung selbst mit sie­ben Apostellesungen, sieben Evangelien, sieben Ektenien, sie­ben Priestergebeten und sieben Salbungen.

An den Gebetstexten fällt auf, das sie in Inhalt und Struktur weitgehend mit den Absolutionsgebeten des Mysteriums der Buße und mit den Kommunionsgebeten übereinstimmen. Wie in diesen werden auch hier biblische Beispiele der Vergebung und Errettung aus Sündenschuld und Sündennot aufgeführt und Verzeihung und Nachlaß der Verfehlungen für den zu Sal­benden erbeten. Dies geschieht in Einklang mit der im sech­sten Priestergebet erwähnten Heilung des Gelähmten aus dem Evangelium (Mt 9,1-8; Mk 2,1-12), dem der Herr Sündenverge­bung zusprach, ehe Er sein körperliches Leiden heilte. Das aber besagt, daß nicht die körperlichen oder seelischen Leiden oder Schwächen die Grundübel sind, von denen der Mensch in er­ster Linie befreit werden muß. Diese Grundübel sind vielmehr die Verhaftung an die Sünde, die Schuld und die Herzenshärte. Denn wo eine Befreiung von diesen Übeln erfolgt, da ist der Krankheit und dem Leiden der tödliche Stachel genommen und das Öl hat seine lindernde Wirkung vollbracht.

INTERESSANTES UND WISSENSWERTES

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Der Schmale Pfad. Orthodoxe Quellen und Zeugnisse. Vierteljährlich erscheinende Schriftensammlung mit Materialien zum orthodoxen Christentum, herausgegeben von Johannes Alfred Wolf.

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