Zum Millenium der Taufe Russlands:

Heiliger Vladimir

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1988, 1

Zum Millennium der Taufe Rußlands: Hl.Vladimir

Vor tausend Jahren empfing der Kiever Großfürst Vladimir selbst die Taufe und führte die ganze Rus' zum christlichen Glauben. Mit der Annahme der Taufe veränderte sich der moralische und geistliche Charakter des russischen Volkes. Das Christentum verfeinerte die groben Sitten unserer Vorfahren und veredelte sie durch die aus dem neuen Testament entnommenen Prinzipien der Barmherzigkeit und Liebe. Im Laufe dieser tausend Jahre wurde Rußland reich an Asketen und Heiligen, die ihr ganzes Leben dem Dienst an Gott und dem Nächsten widmeten.
All diese Menschen, wie auch wir selbst, stehen in der Pflicht des Fürsten Vladimir. Wäre der Fürst Vladimir nicht gewesen, hätte er sich nicht zu Christus bekehrt, hätte er nicht das ganze russische Volk getauft - wer weiß, welche weitere Entwick-lung die Rus' genommen hätte und wie unsere Geschichte aussähe.
Auf diese Weise war, nach den Worten eines unserer Historiker, der Fürst Vladimir nicht einfach ein großer Mensch unter anderen Heiligen unserer Kirche. Der Hl. Vladimir war ein Pionier der Heiligkeit des russischen Volkes und ein Pionier als Politiker unseres Landes, der sein staatspolitisches Programm auf der Grundlage christlicher Frömmigkeit aufbaute.
Von Vladimir dem Heiligen, diesen Gottesdiener und großen Staatsmann, nimmt eine neue Rus' ihren Anfang, ein neues Volk, ein neuer Geist, eine neue Kultur. Mit der Taufe führte der Hl. Vladimir das russische Volk auf dem breiten und lichten Weg der moralischen und geistlichen Vervollkommnung, und zwar sowohl des Volkes als Ganzem als auch jedes einzelnen Menschen.
Die Bekehrung des Fürsten Vladimirs zum Christentum war kein Zufall. Sie geschah nach dem Willen Gottes. Sie geschah aber auch nach dem freien Willen des Fürsten selbst. Fürst Vladimir nahm den orthodoxen Glauben nicht übereilt an, sondern nach vorheriger Bekanntschaft mit anderen Religionen und der tiefen Überzeugung der unübertroffenen Erhabenheit des Christentums über andere Religionen. Fürst Vladimir nahm das Christentum nicht zufällig aus Byzanz an und nicht aus irgend welchen äußerlichen Überlegungen, sondern weil er die Bedeutung der von den Griechen bewahrten alten Frömmigkeit verstand und die Möglichkeit, den Glauben vollkommen mit Sinn zu erfüllen, nur in der Kenntnis des Wortes Gottes in der Muttersprache und somit einer für das ganze Volk verständlichen Sprache schätzte.
Nachdem er selbst die Taufe empfangen hatte, schritt Fürst Vladimir zur Taufe der ganzen Rus'. Dies tat er nicht eigenwillig und nicht ausschließlich auf eigenen Wunsch, sondern nach mehrfachen Beratungen mit Vertretern seines Volkes und mit deren einhelliger Zustimmung.
In den bis in unsere Zeiten erhaltenen alten Überlieferungen wird von den Gesprächen Vladimirs mit Vertretern verschiedener Religionen berichtet wie auch von Gesandtschaften, die er in fremde Länder schickte, um jene Religionen an Ort und Stelle zu erkunden.
Wie es auch immer um die historische Zuverlässigkeit dieser Überlieferungen bestellt sein mag, sie spiegeln die staatsmännische Weisheit des Großfürsten wieder und zeigen, daß es ihm nicht darum ging, die Russen nach seiner Willkür zu einem anderen Glauben zu bekehren, sondern darum, daß die Rus' in Person ihrer besten Vertreter selbstständig und aus freien Stücken den selben Weg beschritt, den früher bereits der Fürst Vladimir für sich selbst gewählt hatte.
In dem Entschluß des Fürsten Vladimir die Rus' zu taufen, spielten nicht nur religiöse, sondern auch politische Motive eine Rolle. In erster Linie handelte Fürst Vladimir als Apostel, doch gleichzeitig war er auch Staatsmann. Mit der Entscheidung zur Taufe seines Volkes wollte Vladimir ihm nicht nur den wahren Glauben bringen, sondern es auch in die Familie der zivilisierten Völker einführen. Er wollte Rus' nicht nur zu einem christlichen Volk, sondern auch zu einem europäischen im wahren Sinne dieses Wortes machen. Seine Heirat mit einer griechischen Prinzessin erschien ihm dafür als das beste Mittel. Indem er mit dem griechischen Kaiser in ein verwandtschaftliches Verhältnis eintrat, erlangte Vladimir nicht nur die Unabhängigkeit, sondern auch echtes und möglicherweise sogar eifriges Wohlwollen von Seites des byzantinischen Reiches in der Zukunft. Um dies zu erreichen, wählte Fürst Vladimir einen auf den ersten Blick seltsamen und sehr schwierigen Weg. Er bat die Griechen nicht um die Taufe, sondern zog gegen sie in den Krieg. Er bat bei ihnen nicht um die Hand der Prinzessin Anna, sondern forderte dies nach dem Sieg über sie und die Einnahme der griechischen Stadt Korsun' (Chersones).
Vladimir brauchte persönlich, um Christ zu werden, nicht die griechische Stadt zu erobern. Viele Bewohner Kievs waren schon lange Christen. Eine solche war auch seinerzeit die Großmutter des Fürsten, die Großfürstin Olga. Indem er aber mit seinem ganzen Land das Christentum aus Byzanz annahm, unterstellte Vladimir sein ganzes Volk dem geistlichen Einfluß der griechischen Kirche, und dies unterwarf die Rus' der Gefahr zu einem byzantinischen Vasallen zu werden.
Fürst Vladimir wollte etwas anderes. Er wollte als gleichberechtigtes Glied in die Familie der christlichen Fürsten Europas eingehen. Die einzige feste Garantie dafür war die Blutsverwandtschaft mit dem byzantinischen Thron. Nur die Heirat mit der Prinzessin Anna erfüllte diese Bedingung. Die Heirat mit der griechischen Prinzessin aber konnte Vladimir nur mit Gewalt erzwingen. Durch die Einnahme von Korsun' erreichte er als Sieger sein Ziel.
Mit einer solchen Verhaltensweise erwies sich der Fürst Vladimir nicht nur als Apostel sondern auch als Staatsmann, der die Verantwortung für die Zukunft seines Volkes trug. So jedenfalls empfanden sein Vorgehen die ihm zeitlich nahestehenden Chronisten und Autoren seiner Vita.
Folgendes wird von diesem Ereignis in der Kurzvita des rechtgläubigen Fürsten Vladimir in einer ihrer ältesten Fassungen berichtet: "Und es war der Sohn Swiatoslavs aus dem Stamm der Varäger, der Fürst Vladimir. Anfänglich mühte er sich nach der väterlichen Überlieferung viel um den Götzendienst. Doch der Herr Gott Selbst wollte neue Menschen zu seinem Werk wählen. Er hauchte Vladimir die Gnade des Hl. Geistes ein und erhob ihn vom widrigen Götzendienst gleichsam wie vom schweren Schlaf. Und es schickte Vladimir Boten zu allen Völkern zur Erkundung der Gesetze dieser Völker und des Glaubens, und als er den heiligen griechischen Glauben sah, der einer brennenden Kerze mit heller Flamme glich, sagte er zu sich selbst: so werde ich vorgehen - ich ziehe gegen ihr Land, erobere ihre Städte, und suche mir dort einen Lehrer. und nachdem er so gedacht hatte, tat er dies. Er zog gegen die Stadt Korsun', nahm sie ein und entbot eine Gesandtschaft zum griechischen Kaiser mit den Worten: gib mir deine Schwester zur Frau, und wenn du das nicht tust, dann erobere ich deine Hauptstadt so wie diese Stadt. Der Kaiser aber erwiderte Vladimir folgendermaßen: "Es ist nicht unser Brauch, christliche Frauen mit Heiden zu vermählen. Nimm die Taufe an, dann bekommst du sie, und, was wichtiger ist, du erlangst das Himmelreich!" Und es antwortete Vladimir: "So werde ich tun. Die du sendest, sollen mich taufen". Und es erkrankte Vladimir in jener Zeit - er erblindete auf beiden Augen. Und die griechische Prinzessin ließ ihm mitteilen: "Wenn du nicht die Taufe annimmst wirst du nicht von deiner Krankheit befreit". Vladimir aber antwortete ihr: "Tauft mich, denn dafür habe ich euch gerufen".
Und als Vladimir in das heilige Taufbecken stieg, geschah ein großes Wunder. Seine Augen wurden geöffnet und er ward sehend. Und Vladimir pries Gott und empfand Freude an Geist und Körper.
Die allgemeine Taufe des Volkes, die Vladimir nach seiner Wiederkehr aus Korsun' unternahm, begann mit den Bewohnern Kievs. Zunächst wurde die eigene Familie des Fürsten getauft. Zwölf seiner Söhne wurden in Kiev in einer Quelle getauft, deren Namen bis heute von diesem Ereignis zeugt. Zusammen mit den Söhnen Vladimirs wurden auch viele Bojaren und Gefolgsleute des Fürsten getauft, die schon früher mit dem Wesen des Christentums vertraut waren und die Taufe wünschten.
Die Taufe des Volkes erfolgte nicht sofort nach der Taufe der Fürstenfamilie und der Vertrauten. Dem Sakrament der Taufe selbst ging eine lange, möglicherweise mehrjährige Vorbereitung voran. Hierzu sagt der bekannte Kirchenhistoriker des 19. Jahrhunderts, Prof. Golubinskij: "...als die Taufe des ganzen Volkes bevorstand, konnte natürlich nicht die Rede davon sein, daß überall und alle unterwiesen wurden. In ähnlichen Fällen erfüllt schon aus notwendiger Unausweichlichkeit ein großer Teil der Menschen einfach einen Befehl. Wenn jedoch keine Möglichkeit bestand, alle und einen jeden im Glauben zu belehren, so war es doch möglich, überall einige zu unterweisen, welche in ihrem bewußten Verhalten auf dem Gebiet der Annahme des Glaubens gewissermaßen als Beweise für die anderen dienen konnten; es war möglich, wenn nicht vollständig, so doch wenigstens im gewissen Ausmaße den neuen Glauben in solcher Weise einzuführen, daß seine Annahme nicht eine Sache des Zwangs war, sondern eine Sache von Freiheit und Überzeugung".
Metropolit Makarij schreibt in seiner Geschichte der Russischen Kirche, daß die Erleuchtung der Kiever Bevölkerung mit der Vernichtung aller Götzen in Kiev begann: "Die selben Götzen, die er noch unlängst zur allgemeinen frommen Verehrung errichtete, fielen jetzt nach seinem Willen der allgemeinen Entehrung zum Opfer. Alle wurden sie von ihren Plätzen gestoßen: die einen zerschlagen, die anderen dem Feuer übergeben, und der wichtigste unter ihnen, Perun, der am meisten die Verehrung der Heiden genoß, wurde an den Schwanz eines Pferdes gebunden und so zum Ufer des Dnjepr gezogen, von wo er ins Wasser geworfen wurde".
Die Vernichtung der Götzen war nötig um den Glauben der Kiever Bevölkerung an die Macht der heidnischen Götter zu erschüttern und sie eben dadurch zur Annahme des wahren und deshalb durch nichts zu erschütternden Glaubens zu motivieren.
Auf die Vernichtung der Götzen folgte die religiöse Predigt. Die Geistlichkeit und bereits getaufte Laien gingen mit der Predigt des Wortes Gottes auf die Straße. Auf Straßen und Plätzen Kievs führte man offene Diskussionen. Viele Menschen wurden in ihren Häusern besucht, mit allen sprach man, alle überzeugte man, allen erklärte man. Schließlich nahte der vom Fürsten bestimmte Tag der Taufe. Am Vortag wandte sich Fürst Vladimir mit folgendem Aufruf an alle seine Untergebenen: "Wer morgen nicht an den Fluß kommt, sei er reich oder arm, Bettler oder Sklave, wird mir Feind sein".
In der Chronik wird berichtet, daß "die Leute, als sie den Befehl des Fürsten hörten, unter sich folgendermaßen argumentierten: wenn dies nicht gut wäre, so würde den neuen Glauben weder der Fürst selbst noch seine Bojaren oder Gefolgsleute annehmen". "Am nächsten Morgen", berichtet die Chronik weiter, "versammelte sich eine große Menge Volkes am Fluß Potschajna. Und alle stiegen ins Wasser, die einen bis zum Hals, die anderen bis zur Brust, die Kinder aber standen im Wasser am Ufer und die Mütter hielten die Säuglinge auf den Armen. Die am Ufer stehenden Priester sprachen über ihnen die Gebete. Und das ganze Volk ward von großer Freude erfüllt. Und als sie die heilige Taufe empfangen hatten, kamen alle aus dem Wasser und gingen in ihre Häuser. Der Großfürst Vladimir aber pries den Herrn Gott, schaute zum Himmel empor und sprach: ' Herr Gott Allherrscher, Schöpfer des Himmels und der Erde, und all dessen, was auf ihr ist. Schau herab auf Dein neuerleuchtetes Volk und gewähre ihm, Herr, Dich, den wahren Gott, zu erkennen, wie ihn schon die anderen christlichen Länder erkannt haben. Festige in ihnen den rechten und unerschütterlichen und unveränderlichen Glauben. Mir aber, Herr, hilf gegen den Bösen, damit ich, auf Dich vertrauend, seine Listen besiege' ".
Nach der Taufe der Kiever Bevölkerung ließ Vladimir in Kiev dort Kirchen bauen, wo früher Götzen gestanden haben.
Kiev - die Mutter der russischen Städte - wurde christlich.

INTERESSANTES UND WISSENSWERTES

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Im Glossar finden Sie wichtige Fachbegriffe, die für das Verständnis der Gottesdienste hilfreich sein können.

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Der Schmale Pfad. Orthodoxe Quellen und Zeugnisse. Vierteljährlich erscheinende Schriftensammlung mit Materialien zum orthodoxen Christentum, herausgegeben von Johannes Alfred Wolf.

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Eine Klosterkirche entsteht. Der Klosterhof der Spyridon-Skite baut in Unterufhausen eine Klosterkirche zu Ehren der Verkündigung und des hl. Justin von Celije. Spenden für den Kirchbau werden erbeten.

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Paterikon

"Paterikon" - eine Kinderbuchreihe des Potamitisverlags, die in verschiedenen Sprachen erhältlich ist und kleine Geschichten aus dem Buch der Väter, der Heiligen und aus dem Kirchenjahr vorstellt.

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